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Ein "Kicker" als Running Back?

Nein, es ist kein Field-Goal-Schütze, der in Zukunft das Spielgerät für die Browns über das Feld tragen wird. Kareem Hunt, Running Back, wurde am Montag-Abend von den Cleveland Browns unter Vertrag genommen. In seinem zunächst einzigen Vertragsjahr wird er ca. eine Million US-Dollar verdienen. Neben Nick Chubb und Duke Johnson startet er also als dritter Laufspieler in die neue Saison unter Head Coach Freddie Kitchens. Doch warum sprengt diese Verpflichtung die bisher so ruhige Off-Season? Weshalb ist so mancher Experte empört über die Chance die Hunt in Cleveland bekommt? 

Die Meldung schlägt ein wie eine Bombe. Am 30.11.2018 erscheint auf vielen Smartphones dieser Welt die Push-Benachrichtigung der NFL-App, des Bleacher-Reports und so mancher Tweet, dass die Kansas City Chiefs ihren Star-Running Back Karem Hunt entlassen haben. Was zunächst völlig unverständlich erscheint, wird via Vereins-Statement aufgeklärt. Die Chiefs hatten zu Saisonbeginn von einem Zwischenfall aus einer Hotellobby in (Achtung!) Cleveland erfahren, in den Hunt verwickelt gewesen sein soll. Nach einem Gespräch mit dem Spieler, der seinem Club versicherte, nichts Unrechtes getan zu haben, ging man zunächst davon aus, dass die Sache erledigt sei. Als dann jedoch im November ein Video der Überwachungskamera des Hotels auftauchte, auf dem eindeutig zu sehen war, wie Hunt eine junge Frau mit Schlägen und Tritten zu Boden gebracht hatte, fühlten sich die Chiefs zurecht hintergangen und entließen ihren besten Running Back auf der Stelle. 
Das Überwachungsvideo landete auf sämtlichen Plattformen und Kareem Hunt wurde durch den imaginären Fleischwolf der Medien gedreht. Vom Karriereende und einer leichtfertig weggeworfenen Laufbahn war die Rede. Nachdem Ex-Browns-Kicker Cody Parkey in den Playoffs bei den Chicago Bears versagte und das entscheidende Field-Goal gegen die Eagles vergab, wurden gar Stimmen laut, die Bears sollten unbedingt Free-Agent "Kicker" Kareem Hunt verpflichten. 

Es waren dann aber die Browns, die bei Hunt zugeschlagen und sich dazu entschlossen haben, dem Ex-Chief eine zweite Chance zu geben. 
Dazu ein Auszug aus dem Statement von Browns-Manager John Dorsey:

"Aufgrund dessen, was wir durch unsere intensiven Nachforschungen über Kareem wissen, glauben wir, dass er eine zweite Chance verdient hat, wissen jedoch auch, dass er einige kritische und essentielle Schritte gehen muss, um für diese Organisation zu spielen. [...] Hier bei den Browns haben wir einen genauen Plan und Erwartungen, die er kennt und an die er sich halten muss, denn ein ähnlicher Vorfall wird nicht toleriert. Wir werden ihn bei diesem Prozess unterstützen, [...] damit er auf und neben dem Feld erfolgreich sein wird."

Die Unterstützung Dorseys kommt nicht von irgendwo her. Schließlich war es John Dorsey höchstpersönlich, der Kareem Hunt in der dritten Runde des 2017er Drafts zu den Chiefs holte. 
Was nach dem Draft folgte, kann man als kometenhaften Aufstieg bezeichnen. Schon in seiner ersten Saison gelangen ihm 1.327 Rushing-Yards, Ligahöchstwert. Die Pro-Bowl-Nominierung damit locker in der Tasche. Und das wohlgemerkt als Rookie. Insgesamt hat es Hunt bei den Chiefs auf 25 Touchdowns (Lauf und Pass kombiniert), sowie 2.151 erlaufene und 833 gefangene Yards gebracht. 
Er selbst hat sich nach seiner Vertragsunterzeichnung ebenfalls geäußert: 

"Zunächst möchte ich noch einmal entschuldigen, für das, was ich letztes Jahr getan habe. Was ich getan habe war falsch und unverzeihlich. [...] Ich bin unglaublich dankbar, dass John Dorsey, Dee und Jimmy Haslam und die Cleveland Browns mir die Möglichkeit geben, ihr Vertrauen zu gewinnen und diese Organisation auf und neben dem Feld zu repräsentieren. [...] Ich möchte die Chance nutzen und eine bessere und gesündere Version von mir selbst werden."

Die üblichen Worte sind also gesprochen, was erwartet uns nun im sportlichen Bereich? 
Wie bereits geschrieben, geht Hunt nicht als Starter ins Rennen. Nick Chubb geht nach seiner unfassbar starken Debüt-Saison als klare Nummer Eins in die Saison. Duke Johnson genießt bei Fans und Mitspielern ein hohes Ansehen, wurde von Freddie Kitchens immer wieder für besondere Spielzüge ins Spiel gebracht. Der Konkurrenzkampf tobt also. Hunt wird sich strecken müssen, um annähernd an seine Spielzeit aus Chiefs-Zeiten zu kommen. Doch warum holen sich die Browns überhaupt ein solch wandelndes Risiko ins Boot? Nach meiner Ansicht ergibt sich die Antwort, wenn man sich die besten Teams der letzten Saison anschauen. Die New England Patriots, die Los Angeles Rams, die New Orleans Saints und die Kansas City Chiefs. Betrachten wir die Depth Charts dieser Mannschaften fällt auf, dass alle Vier gleich mehrere, starke Running Backs in ihrem Kader haben. Und wer die Playoffs und auch die Regular Season verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass die Zeiten, in denen ein Running Back allein für die Touchdowns und Spielzüge verantwortlich war, vorbei sind. Sony Michel und James White, Todd Gurley und C. J. Anderson, Alvin Kamara und Mark Ingram,... die Liste könnte noch weiter geführt werden. All diese Running-Back-Duos haben ihren Anteil am Erfolg der letzten Saison. Und genau darin sehe ich auch den Grund der Verpflichtung von Kareem Hunt. Denn Nick Chubb allein wird es über eine (hoffentlich) lange Saison nicht richten können. Und so beliebt Duke Johnson auch sein mag, die großen Stats bringt er leider nicht mit sich, ebenso wenig wie viele Touchdowns. Ein Trade in der Off-Season erscheint durchaus möglich. Daher könnte ein Duo Chubb/Hunt die Browns auf lange Sicht an die Spitze der AFC North und damit in die Playoffs bringen. Das weiß nicht nur John Dorsey, sondern auch Freddie Kitchens und sein Offensiv-Koordinator Todd Monken, die mit Sicherheit in diese Entscheidung eingebunden waren. 

Böse Buben hat es in der NFL schon immer gegeben und daran wird sich vermutlich auch nichts ändern. Zu häufig drängen Skandale nach Außen und immer wieder sind es die selben Fälle. Gewalttaten, Drogendelikte, illegale Aktivitäten, etc.. Die Liste der Spieler, die sich moralisch verwerflich verhalten haben ist lang. Und einige von ihnen spielen immer noch in der NFL, darunter Adrian Peterson, der zugegeben hat, seine Kinder mit dem Gürtel zu schlagen, oder auch das jahrelange Browns-Sorgenkind Josh Gordon, der seine Drogen- und Alkoholabhängigkeit einfach nicht in den Griff bekommt. Weshalb sollte also ausgerechnet Kareem Hunt als Einziger keine zweite Chance erhalten, sofern er für sein Verhalten eine faire und gerechte Strafe erhält? 
Aus moralischer Sicht darf man es natürlich anzweifeln und kritisieren, dass die Browns Hunt unter Vertrag genommen haben. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch weitere Teams gegeben hätte, die Hunt liebend gerne geholt hätten. Denn aus sportlicher Sicht, haben die Browns eine sinnvolle Verstärkung geholt, die der Franchise auf lange Sicht großen Erfolg bescheren könnte. Ich bin auf jeden Fall auf die Trainings-Camps gespannt, dort dürfte man schon sehen, wohin die Reise für und mit Kareem Hunt gehen wird. 

Das also zur ersten Neuverpflichtung des Sommers. Im nächsten Artikel wird es dann endlich um die Coaching-Staff gehen, die inzwischen vorgestellt wurde. Aufgrund der jüngsten Entwicklungen wurde dieser Artikel aber noch einmal verschoben, Kareem Hunt hatte diesmal Vorrang ;) 

Bis dahin,

Kevin