· 

Überraschend defensiv- Browns zählen zu den Gewinnern am Draft-Wochenende


Geplant war es laut eigener Aussage nicht, von insgesamt sieben Picks im Draft gleich fünf mal einen Defensivspieler zu wählen. Doch die Cleveland Browns haben die Luxussituation genossen, sowohl einige der besten, verfügbaren Talente zu bekommen, als auch schwächer besetzte Positionen zu stärken. Und seitens vieler Experten wurden John Dorsey und Co. zu der angewandten Strategie und ihrem Ergebnis beglückwünscht. 
Doch bevor wir einen Blick auf die gewählten Spieler werfen, fassen wir das Geschehen des Wochenendes kurz zusammen.

An erster Stelle haben die Arizona Cardinals tatsächlich Kyler Murray gepickt, nach den allerletzten Gerüchten und Informationen dann doch keine Überraschung mehr. Kliff Kingsbury bekommt seinen Wunschspieler, Arizona verzichtet auf eine Sofortverstärkung für die Defensive, in persona Nick Bosa, oder Quinnen Williams. Beide gingen erwartungsgemäß direkt im Anschluss vom Board. Die größte Überraschung dürfte Quarterback Daniel Jones sein, der bereits an sechster Position von den New York Giants gedraftet wurde. Kein Fan, oder Experte konnte diesen Pick nachvollziehen, da man Jones' Talent eher in der zweiten Runde angesiedelt hat und die Giants den Spielmacher auch an 17. Position noch bekommen hätte. Zwei weitere interessante Picks waren Dwayne Haskins, der zu den Redskins nach Washington ging und damit die Zukunft des Teams sein wird, sowie Athletik- und Muskel-Freak D.K. Metcalf, der etwas überraschend erst in Runde Zwei gepickt wurde, zu seiner Freude von den Seattle Seahawks. 
Die Cleveland Browns griffen erst am zweiten Tag ins Geschehen ein, nachdem man vergeblich versucht hat, sich in die erste Runde zurückzutraden. Somit bleibt es sinngemäß bei OBJ als diesjährigem Erstrundenpick der Browns. Was dann ab der zweiten Runde in Berea, Ohio passiert ist, schauen wir uns nun ausführlich an.

Runde 2, Pick 46: Greedy Williams, Cornerback, LSU

Für die meisten Experten war Williams ein klarer Erstrundenpick. Deshalb ging John Dorsey auch kein Risiko ein und tradete sich einige Positionen hoch, um sich einen der besten Cornerbacks im Draft zu sichern. Das Wort "Steal" wurde für solche Picks geradezu erfunden. Mit Denzel Ward bildet er ein dynamisches Duo, das jedoch mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Saison gehen wird. Williams ist athletisch und groß gewachsen, wirkt dabei aber trotzdem beweglich und schnell zugleich. Er kann verschiedene Arten der Coverage spielen und schafft es besonders oft, seine Position perfekt zu halten. Im Lauf gegen den Receiver wird er sich im Verlauf des Trainingscamps noch verbessern können, ebenso beim Versuch Bälle abzufangen. Die Voraussetzungen dafür bringt er in jedem Fall mit. Zudem bekommen die Browns mit ihm eine Sofortverstärkung und mehr Tiefe in ihren Kader.


Runde 3, Pick 80: Sione Takitaki, Linebacker, Brigham Young

Mit diesem Pick überraschten die Browns. Prognostiziert wurde Takitaki erst für die fünfte Runde, evtl. sogar später. Doch die Verantwortlichen scheinen deutlich mehr in dem Defenderzu sehen, der eine ungemeine Power und Spielfreude mit sich bringt. Abseits des Feldes hat er sich sehr gewandelt, vom Hitzkopf zum geläuterten Ehemann und Kapitän seines Teams. Seine Stärke ist seine Physis und sein eiserner Wille, aus jedem Play das Maximum herauszuholen. Designiert für das Special Team kann Takitaki vor allem als Outside-Linebacker glänzen, aber eben auch als Blocker für den Punt-/Kick-Returner. Steve Wilks braucht Spieler wie ihn für seine Power-Defensive, wird aber auch noch einiges an Arbeit vor sich haben. Takitaki hat in vielen Bereichen noch Potential und muss sich weiter verbessern um so effektiv wie möglich zu spielen. Das Talent und den Charakter dafür hat er allemal. Für mich der spannendste Pick in diesem Jahr.


Runde 4, Pick 119: Sheldrick Redwine, Saftey, Miami

Ein unglaublich wichtiger Pick. Der ganz dicke Fisch auf der Saftey-Position blieb in der Free Agency aus, jetzt sind die Browns mit mehreren guten Spielern breit genug aufgestellt. Redwine kommt von einem renommierten College und hat sich dort hervorragend entwickelt. Ihn zeichnen seine Schnelligkeit und die Flexibilität im Positionsspiel aus. Er kann jede Geschwindigkeit mitgehen und schafft es den Quarterback zu lesen. An guten Tagen können ihm mehrere Interceptions gelingen. Auch das Tackling scheint für ihn kein Problem zu sein. Mit der Konstanz hapert es bei ihm noch, sodass wir davon ausgehen können, dass er von Steve Wilks und Freddie Kitchens die nötige Zeit zur Entwicklung bekommen wird, auch für das Erlernen von gegnerischen Receiver-Routen. Charakterlich passt Redwine bestens nach Cleveland, wo man sich über einen weiteren Gewinner-Typen im Kader freut. Für einen Pick der vierten Runde ist den Browns ein guter Fang gelungen, mit dem man gleichzeitig einen "Need" abdeckt.


Runde 5, Pick 155: Mack Wilson, Linebacker, Alabama

"Wenn der Draft im Oktober stattgefunden hätte, wäre Wilson in der ersten Runde gepickt worden", lautete das erste Statement von Experte Daniel Jeremiah nachdem die Browns sich für Wilson entschieden haben. Einerseits bestätigt es die Vermutung vieler, dass die Browns hier ein interessantes Talent verpflichten konnten, an einer Position, an der Mack Wilson normalerweise nicht mehr verfügbar gewesen wäre. Die Frage lautet andererseits, weshalb ihn die Browns so spät noch bekommen konnten. Die Stats und seine physischen Voraussetzungen sprechen für ihn, er bringt alles mit, was ein moderner Linebacker in der NFL braucht. Er hat das aggressive und temporeiche Spiel der Crimson Tide komplett verinnerlicht, kann blocken und fangen und hat zudem das Talent für die Special Teams. Was die Scouts ihm allerdings ankreiden, ist die Stagnation in seiner Entwicklung über das vergangene Jahr. Die Probleme in der Entscheidungsfindung während eines Plays konnte er nicht abstellen. Es wird interessant zu sehen sein, wie Steve Wilks mit ihm plant und wie viel man ihm im ersten Jahr in der NFL zutrauen wird.


Runde 5, Pick 170: Austin Seibert, Kicker, Oklahoma

Trotz solider Leistungen von Greg Joseph war ein neuer Kicker fast unumgänglich. Die letzte Saison hat gezeigt, wie wichtig und spielentscheidend ein guter Kicker sein kann. Dass Joseph im Fall der Fälle sein Team zum Sieg schießen kann, wird in Cleveland offensichtlich angezweifelt, sodass man sich dazu entschlossen hat, mit Austin Seibert einen Spieler zu wählen, der in Oklahoma neben dem Kicken auch das Punten übernommen hat. In erster Linie soll Seibert in Cleveland aber für Field Goals und Extra-Punkte sorgen. Aus naher Distanz bis 40 Yards gelang ihm das am College wie kein Zweiter. Aus größerer Distanz misslangen ihm durchaus einige Versuche, zu den ganz großen Momenten aus über 50 Yards trat er zudem nur selten an. Nichtsdestotrotz kommt Seibert mit hervorragenden Statistiken aus Oklahoma nach Cleveland. Seine Qualitäten hat er über die Jahre hinweg unter Beweis gestellt. Es dürfte auf einen spannenden Zweikampf im Sommer-Camp hinauslaufen. Man kann nur hoffen, dass die Browns keinen zweiten Zane Gonzales bekommen. Seine Flexibilität, auch als Punter spielen zu können, spricht jedenfalls für ihn.


Runde 6, Pick 189: Drew Forbes, Guard, Southeast Missouri State

Nachdem man Kevin Zeitler als Teil des OBJ-Deals nach New York abgegeben hat, konnte man die entstandene Lücke im Depth Chart im Draft schließen. Mit Drew Forbes kommt ein Spieler nach Cleveland, der auf und neben dem Spielfeld einen hervorragenden Eindruck macht. An einem verhältnismäßig kleinen College fehlten ihm die ganz großen Gegner, um sein Talent auch der breiten Masse unter Beweis zu stellen. Dennoch war er ein Kandidat für den Senior Bowl, wo er letztlich als Nachrücker gelistet war und nicht zum Einsatz gekommen ist. Als "guter Athlet" und "tough" wurde er von einem NFL-Scout beschrieben. Tatsächlich schafft er es, über seine Physis viele Angriffe der gegnerischen Verteidiger abzuwehren. Auch er hat noch viele Bereiche in denen er sich verbessern kann, trotzdem bekommen die Browns hier einen Rohdiamanten, den sie sich über den Sommer formen können und der das Zeug hat, Austin Corbett auf seiner Position Konkurrenz zu machen. 


Runde 7, Pick 221: Donnie Lewis, Cornerback, Tulane

Mit Donnie Lewis bekommt das Secondary einen weiteren Spieler, der für mehr Tiefe im Kader sorgt. Ob es für viel Spielzeit reicht, wird sich erst zeigen. Seine Stärke ist definitiv die reine Passverteidigung. Dort gelangen ihm im Schnitt 1,6 pro Spiel. Ein Mann für den langen Pass. An Geschwindigkeit und Tackling muss er aber noch gewaltig arbeiten. Man kann Lewis in die Kategorie "Noch zu entwickeln" einordnen. Mit Sicherheit sehen die Browns auch in ihm etwas, das sie für eine gute Defensive brauchen können. Und so manche Überraschung entstammt auch aus den hinteren Draft-Runden. Vielleicht überrascht Lewis und fügt sich gut in das Scheme von Steve Wilks ein. In jedem Fall sollte man gut auf ihn achten, wenn die Saisonvorbereitung beginnt. 



Aus meiner Sicht gibt es viele Gewinner, die aus diesem Draft hervorgegangen sind. Die Browns zählen dazu, denn es ist dem Team um John Dorsey gelungen, Lücken im Roster zu füllen und dabei noch Qualität dazu zu gewinnen. Die Browns-Defensive landete letzte Saison auf dem vorletzten Rang, sodass eine Neuausrichtung unumgänglich schien. Das Gesicht der Verteidigung hat sich geändert. Steve Wilks hat in diesem Draft einige interessante Spieler bekommen, mit denen er und seine Coaches arbeiten können. 
Offensiv-Koordinator Todd Monken braucht seine Pläne nicht komplett neu strukturieren, da sich an seinem Spielerpool nicht viel geändert hat. Spannend wird zudem die Frage, mit welchem Kicker man in Cleveland in die neue Spielzeit gehen wird. 
In den nächsten Tagen werden die Browns noch einige Spieler unter Vertrag nehmen, die nicht gedraftet wurden, um den Kader weiter aufzufüllen und den Konkurrenzkampf anzuheizen. Ausruhen darf sich jedenfalls niemand, schließlich will jeder zum 53-Mann-Kader gehören, der am ersten Spieltag gegen die Tennessee Titans antreten wird. 

Der Draft ist beendet, die Saison geht damit so richtig los. Als nächstes dürfen wir uns auf das Treiben rund um die Mini-Camps freuen. Dort sind die neuen Rookies dann das erste Mal im Einsatz. 


Bis dahin,

Kevin